Verlagsporträt in der Neuen Westfälischen Zeitung

Schmetterlinge im Kopf

von Maria Frickenstein

Bielefeld.

Es gibt ihn noch, einen wie Lutz Graner, mit Flausen, sprich „Schmetterlingen im Kopf“. Einer, der jenseits der Pekunien überzeugt ist von dem, was er tut und sich nicht verbiegen will. In einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft entstand 2006 sein Verlag. Vierzehn Chemnitzer Quadratmeter, 3,84 Euro Startgeld, eine Band, ein Buch und ein Autor markierten den Anfang des Eichenspinner Verlages.

Bereits im Studentenclub der TU Chemnitz frönte Lutz Graner mit seinen Kommilitonen der Lust an Literatur und Kultur, genoss den Spaß am Experiment und des Sichausprobierens. Der Club baute in Prag die Foltermaschine aus Kafkas „Strafkolonie“, organisierte Lesungen, filmte, schrieb Theaterstücke und Hörspiele.

Noch vor der Verlagsgründung lag bereits das erste Manuskript auf dem Tisch. Zu dieser Zeit managte Lutz Graner die Rockband „Solche“ mit Gitarrist und Sänger Holm Krieger und Schlagzeuger Andreas Neubert. Oft stellten die Fans Fragen zu den komplexen Texten, die sich in aktuelle Diskurse einmischen. Kurioserweise entstand das Bandbuch „So Schicht. Solche Geschichten“ noch vor der ersten CD, gab Antworten, beleuchtete Hintergründe. Doch wer sollte das Buch machen, wenn nicht der Germanist Lutz Graner?

Er meldete das Gewerbe an, blätterte in einem Tierbuch und fand den künftigen Verlagsnamen. „Spinner passte gut zu dem Ansinnen, einen Verlag zu gründen“, scherzt der 34-Jährige über sein Ein-Mann-Unternehmen.

Der Zufall ließ jedoch ein anderes Buch den Verlag begründen. Beim Spaziergang nämlich sah Lutz Graner den Schriftsteller Hans Brinkmann, den er auf einem Poetry Slam als Gewinner kennen gelernt hatte. „Ich verfolgte ihn, bis er in einem Hauseingang verschwand“, erinnert er sich, sagt, dass er ihm eine Postkarte mit dem Wunsch des frisch gebackenen Verlegers in seinen Briefkasten gesteckt habe. Der Gedichtband „Schlummernde Hunde“ erschien, gefolgt von weiteren Gedichten mit dem ungewöhnlichen Titel „knicken!“. „Milchmädchen, rechne dich!“ heißt der Titel zu Brinkmanns Erzählungen und sein Romandebüt „Die Butter vom Brot“, eine humorgeladene, spielerische, kritische wie fantasievolle Textur präsentiert der Verlag in farbigen Butterbrotdosen.

„Brinkmann. Das ist mein Literaturgeschmack. Von ihm bin ich überzeugt und das ziemlich heftig“, legt sich Verleger Graner ins Zeug. „Für mich gehören seine Texte zum besten, was es an gesellschaftsrelevanter Literatur gibt.

Ria ÜbÜ, alias Romanistikprofessorin Ulrike Brummert ist eine weitere Autorin des Verlags. Mit „Pastis“ legte sie einen Lyrikband, ihr Spiel mit Sprache und Klang vor.

„Wo ich bin, da ist der Verlag“, lacht Lutz Graner. Der Aktionsradius des 34-Jährigen bewegt sich heute zwischen Chemnitz, Leipzig und Bielefeld. Chemnitz ist der postalische Verlagsort, Leipzig Graners Wohnort mit der direkten Zugverbindung nach Bielefeld.

Seit 2010 ist der Germanist an der Universität als Lehrkraft für besondere Aufgaben tätig, gibt Literatur-Seminare und arbeitet an seiner Dissertation über den fast vergessenen Berliner Schriftsteller GünterBruno Fuchs.

„Ich kann mich tagtäglich entscheiden, ob ich der Chef oder der Laufbursche bin“, lacht er über seine Verlagsarbeit. So funktioniert der „Eichenspinner“ und mit ihm hat er seit 2009 einen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Schon ist ein neuer Debütant im Programm, aus Berlin, Sebastian Guhr. Seinen Roman wird er auf der Messe vorstellen. Auch Brinkmann, ÜbÜ und die Band werden dabei sein.

Wie Spitzwegs „Armer Poet“ lebt Lutz Graner in der Woche bescheiden in einer einfachen Bielefelder Dachkammer, bei Regenwetter mit direktem Zugang zum Himmel. Vielleicht träumt er dort doch ganz tief drinnen vom Erfolg seiner Autoren Brinkmann und Co. Erfolg, der sei dem Sprachverliebten gegönnt